Warum Paleo Kinder und Eltern sich nerven aber nichts dafür können

Jan mit Paleo Kind

Ich gestehe es, auch wenn ich mich dabei nicht gut fühle: Meine Kinder nerven mich nicht gerade selten. Mich langweilt es, mit Förmchen im Sandkasten Kuchen zu backen. Malbücher anmalen ist etwas besser, aber länger als eine halbe Stunde habe ich auch dazu keine Lust. Natürlich merkt meine dreijährige Tochter sofort, wenn ich genervt oder angespannt bin und reagiert ähnlich. Das macht die Situationen nicht einfacher. Natürlich nerve ich sie genauso. Wenn ich am Laptop arbeite und sie nicht mitmachen kann, stört sie das. Sie braucht aber Input, um viel lernen zu können. Mittlerweile glaube ich aber, verstanden zu haben, dass weder meine Kinder noch ich etwas dafür können. Wir sind Opfer der modernen Welt – wieder einmal.

Das Verhalten der Paleo Kinder ist nicht für unsere moderne Zeit programmiert

Ich bin der Überzeugung, dass unsere Kinder evolutionspsychologisch angepasst sind und diese Anpassung für die Jahrtausende der Altsteinzeit und nicht für unsere moderne Welt geeignet ist. Genauso wie unsere Paleo Körper nicht zu unserer heutigen Nahrung „passen“, ist gleichermaßen unser in der Steinzeit geprägtes Verhalten inkompatibel mit den modernen Lebensumständen.

Das Abweichen von Paleo Verhaltensmustern führt zu Unzufriedenheit

Um diese Verhaltensmuster zu verdeutlichen, nehmen wir ein ziemlich offensichtliches Beispiel, was Eltern immer wieder beobachten. Mädchen verhalten sich von klein auf anders als Jungen. Jungen sind wesentlich risikobereiter, probieren eher auch riskante Manöver aus und fabrizieren dabei mehr Unfälle. Die Evolutionspsychologie geht davon aus, dass Männchen über die Jahrtausende ein risikoreicheres Verhalten an den Tag legen mussten, um beispielsweise jagen zu gehen oder sich im Kampf um die Fortpflanzungsreihenfolge gegen Artgenossen durchsetzen mussten. Weibchen dagegen entwickelten eher beständigeres und vorsichtigeres Verhalten, um den Nachwuchs verlässlich zu behüten. Diese Verhaltensweisen haben dazu geführt, dass sich die Überlebenswahrscheinlichkeit der Ausübenden erhöht hat. Deshalb haben sich diese Verhaltensmuster durchgesetzt und in der gesamten Art verbreitet.

Wenn nun unsere Kinder (oder auch wir) diese Verhaltensweisen unterdrücken müssen, so führt dies zu Unwohlsein und Stress

Beispiele, in denen Paleo Kinder oder Paleo Eltern nerven

Gern möchte ich an dieser Stelle ein paar Beobachtungen aus meinem Alltag teilen. Ich habe mir jeweils Gedanken dazu gemacht und recherchiert, wie diese Situationen in der Steinzeit gewesen sein könnten. Vieles davon war allerdings bereits vor 100 Jahren noch völlig anders und wesentlich artgerechter.

Paleo Verhalten Beispiel 1: Ich arbeite am Computer oder ich arbeite im Garten

Mein Beruf und mein Hobby (dieser Blog) haben jeweils zur Folge, dass ich einige Zeit pro Tag am Computer verbringe, davon recht viel in meinem Büro zu Hause. Meine Tochter findet das natürlich faszinierend, kann mir aber nicht wirklich helfen. Sie will dann irgendwelche Videos schauen und ein paar Tasten drücken. Das passt nur recht selten in meinen Arbeitsalltag. Die Folge: Wir beide sind genervt.

Andere Situation: Ich arbeite recht gern im Garten. Ja, hätte mir jemand das von 10 Jahren erzählt, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Aber Gärtnern ist echt befriedigend und meiner Meinung nach ziemlich Paleo. Was glaubt ihr, wie genervt meine Tochter und ich beim Gärtnern voneinander sind? Richtig: Gar nicht! Sie kann mir bei allen Arbeiten helfen, sie kann ohne weiteres ihr eigenes Ding machen. Die Arbeiten sind für sie nachvollzieh- und beobachtbar, vollkommen anders als am Computer. Im Garten gibt es auch nichts, was sie dreckig oder kaputt machen könnte. Und das gab es in der Steinzeit für Paleo Kinder auch nicht!

Paleo Verhalten Beispiel 2: Meine Tochter ist nur mit uns zusammen oder mit einer größeren Gruppe inklusive anderer Kinder

Wenn unsere Tochter den ganzen Tag mit uns zusammen ist, reagiert sie irgendwann sehr genervt, insbesondere dann, wenn wir unsere alltäglichen Dinge erledigen. Sobald Oma, Opa, Tante, Onkel, Cousins und Cousinen da sind oder Freunde mit gleichaltrigen oder älteren Kindern, merken wir den ganzen Tag nicht, dass wir eine Tochter haben.

Steinzeit Menschen haben mit ihren Paleo Kindern in Sippen zwischen 20 und 60 vertauten Angehörigen zusammen gelebt. Die Arbeitsteilung in diesen Sippen war so organisiert, dass immer mehrere Menschen zusammen arbeiteten und lebten. Beobachtungen bei Naturvölkern zeigen, dass Kinder nur sehr selten ganz allein mit ihren Eltern sind, sondern viel Zeit mit anderen Kindern unterschiedlichsten Alters verbringen oder auch von anderen Erwachsenen betreut werden. Es bestanden völlig andere Gesellschaftsmuster für diese Paleo Kinder. Kennt ihr das afrikanische Sprichwort: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“.

Warum macht dies aus evolutionärer Perspektive Sinn? Kinder lernen durch Beobachtung und Nachahmung. Das zeigt auch, warum meine Tochter im Garten weniger genervt ist. Sie kann und darf hier nachahmen. Es macht aber auch Sinn, dass Kindern mehrere Personen zur Nachahmung zu Verfügung stehen. Und es ist auch sehr sinnvoll, dass unter diesen Personen ältere Kinder sind. Für viele Nachahmungstätigkeiten sind Erwachsene für die Kinder zu weit fortgeschritten. Sie sind mehrere Stufen weiter, beispielsweise bei komplexeren Arbeiten (z.B. wenn ich am Computer arbeite). Ältere Kinder sind hier meist nur eine Stufe weiter, so dass die Kinder dieses Verhalten wesentlich besser nachahmen können.

Was bedeutet das für unsere Paleo Kinder in unserer heutigen Zeit?

Man kann sich nun die Frage stellen, wie sinnvoll das heutige Betreuungs- und Lernsystem gestaltet ist. Kinder verbringen sehr viel Zeit mit den Eltern oder mit einer großen Gruppe fremder gleichaltriger Kinder. In der Schule lernen sie den ganzen Tag sitzend (wie das allein aus Bewegungsperspektive zu bewerten ist, könnt ihr euch ausmalen), immer noch sehr stark in Form von Frontalunterricht. Das werden wir kurzfristig nicht ändern können und ich bewundere alle Eltern, Betreuer und Lehrer, die unter diesen suboptimalen Umständen wundervolle Arbeit leisten.

Was wir versuchen, um unseren Kindern mehr Paleo Kontakt- und Lernmuster zu bieten?

Ich möchte hier ein paar Maßnahmen aufzeigen, die wir versuchen zu ergreifen, um unseren Kindern mehr ursprüngliche Muster zu bieten.

Möglichst viel Zeit in größeren Gruppen verbringen

Wir versuchen, so viel es geht, uns mit Freunden und Verwandten zu verabreden. So haben unsere Kinder breitere Kontaktmuster mit vertrauten Personen. Das „komm wir gehen mal da und da hin und du spielst dann mit lauter Fremden“ funktioniert bei uns nicht. Für diese Verabredungen muss man Prioritäten setzen und andere Dinge reduzieren. Wir haben uns bei unseren Jobs für flexiblere Lösungen bemüht, so dass wir viel von zu Hause arbeiten und uns abwechseln können. So haben wir auch Zeit für diese Aktivitäten. Ich weiß, hier werden viele sagen: „Das geht bei mir aber nicht!“ Sicherlich ist das nicht immer leicht, aber man muss sich vielleicht in einem ersten Schritt kleinere Ziele setzen und dann schauen, wie man es umsetzt. Andersherum (ich schaue zuerst, was unter den momentanen Umständen geht) kommt man meiner Erfahrung nach nicht weit. Das geht jetzt sehr stark in das Thema Lifestyle-Design und über den Inhalt dieses Blogs hinaus. Es geht aber immer viel mehr als man selbst zuerst glaubt.

Wir sind in ein Neubaugebiet in die Nähe unserer Familien gezogen

Hierdurch können unsere Kinder viel Kontakt zu Nachbarskindern aufbauen und eigenständig und unkompliziert spielen. Jeder im Wohngebiet kennt die anderen Kinder und es ist eine Art „Dorf, was die Kinder erzieht“. Gleichzeitig kann unsere Tochter viel Zeit mit den Großeltern und ihrer Tante verbringen, was sie liebt und genießt. Auch das war nur möglich, weil wir dieses Vorhaben priorisiert haben. Wir haben uns gesagt: „Das ist unser Ziel und Vorhaben“ und haben dann geschaut, wie wir es realisieren. Andersherum hätte es nicht funktioniert, da es aus Sicht von Job und Co. wesentlich sinnvoller gewesen wäre, in eine andere Stadt zu ziehen. Als Bonus wohnen wir in nun wunderschöner Natur mit viel Wasser und Wald.

Formt wieder Sippen

Das ist natürlich nicht einfach und bedarf eigener Initiative. Von einer ganz tollen Idee, die insbesondere für Alleinstehende oder ein Elternteil, was allein zu Hause mit den Kindern ist, gilt, habe ich vor kurzem gelesen. Tut euch in Gruppen mit Eltern und Kindern zusammen und verbringt den Alltag miteinander. Dort gab es eine Gruppe von Müttern, die reihum jeden Tag in der Woche in der Wohnung eines anderen Gruppenmitglieds verbracht haben. Dort wurden sie dann nicht bekocht oder bewirtet, wie wir es heute gewohnt sind, wenn wir jemanden besuchen. Nein, es wurde gemeinsam die Wohnung geputzt, gemeinsam gekocht und gemeinsam aufgeräumt. Die Kinder haben sich allein beschäftigt oder es war ein Erwachsener frei, der sich um die Kleinen gekümmert hat. So wurde jede Wohnung einmal die Woche auf Vordermann gebracht, alle hatten Gesellschaft und die Kinder ihr Sippengefühl. Wundervoll!

Artgerechter Urlaub

Wir gehen gerade das Thema Urlaub an. Entweder kann man mit mehreren Familien in den Urlaub fahren, oder man fährt in „sippenhafte“ Ferien. Kinderhotels oder die berühmten Ferien auf dem Bauernhof sind eine Option. Wir haben uns gerade dafür entschieden, fünf Tage in ein Camp des Artgerecht-Projekts zu fahren. Dort wird mit mehreren Familien zusammen ursprünglich gelebt. Gleichzeitig gibt es viele Seminare und Austausch zu den Themen Windelfrei, Tragen, Schlafen und Stillen (für mich übrigens absolute Paleo Themen). Das ursprüngliche Leben und der Sippengedanke sind wichtige Aspekte dieses Camps. Ich finde das eine wunderbare Sache, freue mich unheimlich und werde berichten.

Also, habt Verständnis für euch und eure Paleo Kinder, wenn ihr einmal voneinander genervt seid. Überlegt auch, wie ihr euer Leben umorganisieren könnt, wenn ihr das möchtet und mit dem Status Quo nicht zufrieden seid. Glaubt mir, auch wenn es am Anfang unheimlich schwierig wirkt – es geht! Nehmt das Ziel als gesetzt und schaut dann, wie man es erreichen kann. Setzt Prioritäten. Auch das ist Paleo Verhalten. Und welche höheren Prioritäten kann es geben, als die eigene Kinder?

Ich bin unheimlich gespannt auf eure Kommentare und Erlebnisse!

Herzlich, euer Jan

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10 Antworten

  1. Schöner Artikel…

    Wir haben als Familie ein „Paleo“ Leben versucht zu führen –
    In der Wildnis – in einem Clan –

    War super interessant –

    Liebe Grüße die Wildnisfamilie

    • Liebe Wildnisfamilie,

      wie spannend! Bisher kannt ich euch noch nicht. Jetzt werde ich aber alles über euch lesen, verlasst euch drauf:-)
      Alles Gute und Liebe für euren Weg. Vielleicht kreuzen sich unsere Pfade ja einmal.

      Jan

  2. Genau!

    All diese Dinge haben/wollen wir auch umsetzen – mehr Gemeinschaft, mehr Natur, mehr Bezogenheit… es geht Schrittchen für Schrittchen voran, und für mich Ungeduldige natürlich viiiiiiel zu langsam… :) Schön zu hören, dass es für euch auch so viel positives bewirkt hat!

  3. Lieber Jan,

    Ich bin wirklich froh, auf diese Seite gestoßen zu sein. Du sprichst mir aus der Seele! Mein Mann, mein Sohn und ich inklusive Hund gehen jeden Tag raus zu unserem Pferd. Wir alle sind „gechillt“; unser Sohn liebt diese Reitergemeinschaft von vielen unterschiedlich alten Personen. Wie schön, dass es neben Herrn Renz-Polster noch jemanden Kompetenten gibt, der mir bestätigt, dass meine Einstellung die richtige ist.

    Liebe Grüße!

    • Liebes „Muttertier“:-)
      Es freut mich sehr, dass du dich in unseren Inhalten wiederfindest. Wir glauben auch, dass dieser Weg der Richtige ist. Nature knows best! Renz-Polster ist eine Institution. Toll, dass es solche Verfechter an vorderster Front gibt. Ich glaube zusammen können wir alle viel bewegen. Und unsere Kinder sind die besten Multiplikatoren.
      Ich bin gerade geflasht, wie sich unser Kleiner entwickelt. Er war vielleicht in seinen 11 Monaten 3 Stunden im Kinderwagen. Ansonsten nur in der Babytrage und auch sehr viel auf dem Arm. Das ist für mich bewusstes „Functional Training“. Meine Kinder zumindest eine halbe Stunde auf dem Arm tragen zu können. Bei der Großen wird es schwerer, ich aber auch stärker. Katy Bowman hat viel dazu geschrieben, wie gut es auch für die Eltern ist. Wenn man sich rantastet. Aber das ist ein ganz anderes Thema.
      Mein Sohn läuft jetzt bereits und klettert auf Sachen, da wird mir Angst und Bange, obwohl ich echt „hart“ im Nehmen bin, was die Kids angeht. Es sind immer die halb-nackt bei 3 Grad durch die Nachbarschaft laufen. Und was ganz crazy ist: Wenn ihnen kalt wird, kommen sie rein:-) Ganz von allein.
      Die große Agilität schiebe ich auf: Keine Windeln zwischen den Beinen (obwohl er momentan wirklich überall hinmacht, aber nicht ins Töpfchen:-)), „ihn machen lassen“ – keine Überbehütung und Tragen auf dem Arm (dazu habe ich auch mal einen Post geschrieben). Was man auch nicht vergessen darf: Gutes Essen, keine Medikamente (oha, dafür krieg ich Haue – egal, mein Leben, meine Kinder und die Studienlage ist überwältigend, wie immens der Einfluss ist) und eine große Schwester, der man hinterherlaufen will.
      Ich wünsche dir und deinen Lieben alles erdenklich Gute!
      Herzlich, Jan

  4. Schön, dass es immer mehr Eltern zu geben scheint, die ihre Kinder so „erziehen“.
    Ich hane gerade das Buch von Jean Liedloff „auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ gelesen. Das dürfte für viele Eltern sehr interessant sein und bestärkt mich. Meine Kleine schläft seit jeher bei mir im Bett, wird immerzu auf dem Arm getragen und ist sehr entspannt.
    Die Herausforderung heutzutage besteht vor allem darin, eine Gruppe Gleichgesinnter zu finden.
    Ich hoffe, dass es bald noch viel mehr Eltern geben wird, die nicht auf gewisse Erziehungsexperten hören, sondern lieber ihren und vor allem dem Instinkt ihrer Kinder vertrauen.
    Liebe Grüße

    • Liebe Niki,

      ein tolles Buch, bei dem ich häufig „Pipi“ in den Augen hatte:-)

      Vernetzung ist alles, insbesondere im Alltag. Und da ist es besonders schwer.

      Alles Liebe von Jan

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