Besser als Babytragetuch und Babytrage!

Paleo Baby tragen

Ich habe nichts gegen Babytragetücher oder Babytragen. Wir nutzen und schätzen in unserem Haushalt sogar beides! Dennoch möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für ein differenziertes Babytragen brechen. Doch der Reihe nach.

Vom optimalen Babytragen und von der optimalen Babytrage

Babys von traditionell lebenden Naturvölkern werden 95% ihrer Wachzeit (Zeit in der die Kinder nicht schlafen) getragen. 95%! Das ist quasi immer! Und wenn Sie liegend schlafen, so liegen sie bei oder auf einem Elternteil oder jemandem anderen aus der Sippe. Und das hat seinen Sinn. Für diese Kinder wäre es viel zu gefährlich, allein auf dem Boden zu liegen. Sie wären leichte Beute für kleine und große Jäger oder wären gefährdet durch alles, was da sonst noch so kreucht und fleucht.

Viele Naturvölker leben noch heute wie ihre Vorfahren vor vielen Jahrtausenden. Das lässt die Vermutung zu, dass Steinzeit-Menschen ihre Kinder über Jahrtausende ebenso viel getragen haben. Das Tragen der Kinder war eine sinnvolle, überlebenssichernde Angewohnheit. Solche Verhaltensmuster, die das Überleben der eigenen Art sichern, haben sich über selektive Adaptionsprozesse innerhalb der Art durchgesetzt. Kinder, die viel getragen wurden, haben eher überlebt.

Ständiges Liegen ist ein Problem

Babys erwarten getragen zu werden

Was bedeutet das für unsere heutigen Kinder? An dieser Stelle möchte ich aus Paleo-Perspektive argumentieren. Wenn die Kinder über viele Jahrtausende getragen worden sind und dieses Tragen vorteilhaft fürs Überleben war, so lässt sich schlussfolgern, dass Kinder heute noch Verhaltens- und Erwartungsmuster pflegen, die das Tragen fördern. Das bedeutet, dass Kinder es heute noch „erwarten“, eng am Körper der Bezugspersonen getragen oder gelagert zu werden. Bei abweichendem Verhalten reagieren die Kinder entsprechend (insbesondere durch Schreien). In ihrer Wahrnehmung ist das Getragen-Werden nach wie vor überlebenswichtig. Das Kind weiß nicht, dass es in seinem Bettchen nicht das Opfer von natürlichen Feinden werden kann.

Kinderwagen verlängern das Liegen auf unterwegs

Doch das ist nur ein Teil des Problems. „Wenn ich mein Kind im Kinderwagen schiebe, so dass es mich sehen kann, wird es diese Ängste ja nicht verspüren, richtig?“ Das stimmt zumindest zum Teil. Allerdings fehlt trotzdem ein entscheidender Aspekt: Die körperlich Nähe des Babys zur Bezugsperson. Darüber hinaus ist das ständige Liegen selbst ein großes Problem für die Kinder. Kennt ihr die Babys mit den platten Hinterköpfen, der so genannten lagerungsbedingte Plagiozephalie? Sie entsteht durch die permanente einseitige Einwirkung der Schwerkraft auf den weichen kindlichen Schädel. Diese einseitige Lagerung wird durch gängige Empfehlungen, das Kind möglichst nur auf dem Rücken liegen zu lassen, zusätzlich gefördert. Eine solche Schädelverformung kann langfristig gesundheitliche und ästhetische Probleme mit sich bringen.

Babytragen als Lösung

Babytragetuch und Babytrage sind besser, aber nicht optimal

„Okay, dann trage ich das Kind eben in einer Babytrage oder in einem Tragetuch. Das machen ja immer mehr Menschen und hier ist das Kind nah bei mir.“ Ja, das stellt eine deutliche Verbesserung gegenüber einem Kinderwagen dar. Das Kind befindet sich in unmittelbarem körperlichen Kontakt, beispielsweise zur Mutter. Hierdurch findet eine andere, wesentlich intensivere Kommunikation zwischen Mutter und Kind statt. Kinder, die so nah bei der Bezugsperson getragen werden, sind ausgeglichener und zufriedener, auch in Zeiten des Nicht-Getragen-Werdens. Gleichzeitig liefert die aufrechte Position dem Baby einen anderen, wichtigen neuronalen und sensualen Input als das Liegen. Aber: So gern ich euch vollständig beruhigen möchte (das „Beruhigen“ der Eltern ist leider nicht das Ziel dieses Blogs), das Tragen in einer Babytrage oder einem Babytragetuch ist immer noch nicht ideal für das Kind.

Babytragetuch und Babytrage stabilisieren das Kind permanent

Ein entscheidender Aspekt fehlt dem Babytragetuch oder der Babytrage: Es findet eine wesentlich geringere sensomotorische Stimulation des Kindes statt. Das Kind muss sich weniger bewegen, weniger „arbeiten“, um in der Babytrage oder im Tragetuch die senkrechte Position zu halten. Das Tragesystem stellt eine Art Ganzkörperschiene dar. So „geschient“ sind kaum Ausgleichsbewegungen gegen die sich verändernde Schwerkraft seitens des Kindes nötig. Was ist die Folge, wenn dies ausbleibt? Kein menschlicher Organismus ist in der Lage, Muskulatur ohne Widerstand zu bilden. Wird den Kindern dieser Widerstand permanent genommen, so kommt es zu einer verzögerten Entwicklung der betreffenden Muskulatur. Gleichzeitig findet deutlich weniger und später eine Ausbildung der entsprechenden neuronalen Bewegungskontrolle statt.

Verwenden Sie jetzt die neue Paleo Babytrage: Den Arm!

Wenn die Mutter oder der Vater oder wer auch immer das Kind regelmäßig auf dem Arm trägt, so bewegt sich die tragende Person und das nun „ungeschiente“ Kind muss diese Bewegungen beispielsweise mit der Rumpf- und Wirbelsäulenmuskulatur ausgleichen. Das stärkt nicht nur die entsprechende Muskulatur sondern fördert auch die neuronalen Vernetzungen im Gehirn, die diese Ausgleichsbewegungen steuern.

Deutlich wird dies beispielsweise beim „Kopf-Halten“ von Neugeborenen. Werden Neugeborene behutsam an das Selbst-Halten herangeführt (z.B. durch das aufrechte Tragen im Arm ohne ständige vollkommene Fixierung des Kopfes), so entwickeln diese Kinder sehr schnell die Fähigkeit, den Kopf selbst zu halten. Bereits nach wenigen Tagen beginnt ein Neugeborenes mit Versuchen, seinen Kopf selbstständig zu halten. Das Kind kann das aber nur, wenn es sich in der aufrechten Position befindet. Beim Liegen auf dem Rücken oder auf dem Bauch ist der Kopf noch viel zu schwer.

Das Video unten von unserem 7 Tage alten Sohn zeigt seine ersten Versuche. Achtung: Diese Versuche sehr genau beobachten und dosieren! Sie sind sehr anstrengend für die Kleinen.

 

 

Update: Unser Sohn ist mittlerweile fünf Wochen alt und hat sehr viel „trainiert“.

Warum wir nicht Paleo Babytragen?

Wir sind zu schwach

Viele Eltern berichten mir, dass sie ihr Kind nicht lange auf dem Arm halten können. Wir haben diese Kraft nicht mehr, denn auch wir befinden uns permanent in „Schienen“ (Autositze, Bürostühle, Schuhe mit Absätzen, Hände vor dem Körper auf Tastaturen etc. etc.). Nur wenige Eltern besitzen die Kraft, ihre Kinder länger im Arm tragen zu können, weil sie es regelmäßig tun und damit trainieren. Dabei wäre genau dies die immer wieder gepriesene „funktionelle Fitness“, die wir bräuchten. Wie wichtig diese Art von Kraft für unsere eigene Gesundheit ist, werde ich in einem anderen Blog-Post behandeln.

Wir haben ja so viel wichtigere Dinge mit unseren Händen zu tun

Achtung, Polemik: Es ist sehr schwer, ein Kind zu tragen, und gleichzeitig Whatsapp-Nachrichten zu verfassen. Die Frage stellt sich, ob man diese beiden Aktivitäten nicht trotzdem innerhalb eines Tages separat erledigen kann. Ja, das könnte eventuell bedeuten, die Whatsapp-Zeit deutlich reduzieren zu müssen. Aber hey, ihr schafft das! Gleichzeitig tut ihr eurem Geist, eurer Körperhaltung und euren Augen einen großen Gefallen. Win-win sozusagen. Im Ernst, natürlich bin ich mir bewusst, dass man nicht immer einen oder beide Arme frei hat, um sein Kind frei zu tragen. Aber meiner Erfahrung nach kann man es deutlich öfter tun, als dies normalerweise der Fall ist. Das war bei mir auch so, bis ich das Bewusstsein dafür und Prioritäten gesetzt hatte.

Was können wir konkret tun?

Tragt eure Kinder mehr auf dem Arm

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Ja, ich weiß, Tragen ist nicht immer einfach…

Wir tragen in unserem Haushalt unsere Kinder, wenn sie noch nicht selbst laufen können, so oft es geht auf dem Arm. Geht das immer? Natürlich nicht! Aber es geht wesentlich häufiger, als es normalerweise praktiziert wird. Und wenn man doch einmal beide Hände benötigt, so verwendet man einfach ein Tragetuch oder ein anderes Tragesystem. Man kann auch versuchen, die Trageform mit dem Schlaf-/Wach-Rhythmus des Kindes zu koordinieren. Insbesondere kleine Babys schlafen noch sehr viel. Wenn sie schlafen, verwendet man das Tragetuch, wenn sie wach sind, liefert man ihnen den Input des freien Getragen-Werdens.

Mein Vorschlag: Geht mit eurem Kind auf dem Arm spazieren – ohne Tragesystem. Wechselt regelmäßig die Trageseite. Damit trainiert ihr eure Haltung und die des Kindes gleichermaßen. Gleichzeitig bekommt das Kind wechselnde, vielseitige Impulse. So trainiert ihr auch eure Kraft wieder und es wird mit der Zeit immer leichter.

Wenn das Kind eingeschlafen ist, packt ihr es einfach in ein Tragetuch (jetzt muss es ja sogar gestützt werden). Dann kauft ihr euch etwas zu trinken und trinkt es ganz entschleunigt in einem netten Café oder auf einer Parkbank. Bitte nichts Heißes trinken, ihr habt ein Kind unter dem Mund! Wenn ihr das auch noch für euch selbst optimal tun wollt, setzt ihr euch auf eine Wiese oder auf den Rasen im Park. Auf dem Boden sitzen liefert eurem Körper viele gesunde Impulse. Zu Hause etwas trinken ist auch erlaubt. Wenn ihr euer Getränk in aller Ruhe genossen habt, okay von mir aus auch beim Trinken selbst, ruft ihr denjenigen oder diejenige an, mit denen ihr ursprünglich Textnachrichten austauschen wolltet. Ein richtiges persönliches Gespräch! Ganz Verrückte können sich mit diesen Personen sogar Face-to-Face verabreden. Dann kann der oder die andere das Baby halten und ihr könnt auch einen heißen Kaffee trinken.

Lasst auch andere Babytragen

Ein letzter Tipp: Ihr müsst euer Kind auch nicht immer selbst tragen. Bei Naturvölkern ist es Gang und Gäbe, dass beispielsweise ältere Kinder die kleineren tragen. Ältere bedeutet hier, dass sogar Dreijährige die Säuglinge der Sippe über weite Strecken tragen können. Man muss sie nur lassen und ihnen vertrauen. Mir ist durchaus bewusst, dass man nicht immer ein älteres Kind, eine Oma oder einen Opa zur Stelle hat. Das bringt die heutige Zeit mit sich. Aber ein Paleo-Lebensstil kann auch bedeuten, dass man sich stärker zu Gemeinschaften zusammenschließt. Hier gibt es tolle Ideen und Modelle. Aber das wird der Inhalt eines anderen Blog-Posts werden. Würde mich freuen, wenn ihr den auch lest.

Herzlich, euer Jan

 

Ich freue mich über eure Kommentare. Aber bitte: Alles was hier steht ist meine, auf Basis meiner Interpretation der wissenschaftlichen Literatur und auf Basis meiner Erfahrungen gebildete Meinung. Damit möchte ich niemanden angreifen, der eine andere Meinung hat. Ich möchte anregen und helfen. Bitte formuliert auch eure Kommentare so. Danke!

Literaturverzeichnis

Anisfeld, E., Casper, V., Nozyce, M. and Cunningham, N. (1990). Does infant carrying promote attachment? An experimental study of the effects of increased physical contact on the development of attachment. Child Development, 61:1617–1627
Argenta LC, David LR, Wilson JA, Bell WO.: An increase in infant cranial deformity with supine sleeping position. J Craniofac Surg. 1996 Jan;7(1):5-11.
Bialocerkowski AE, Vladusic SL, Choong WN. (2008), Prevalence, risk factors, and natural history of´positional plagiocephaly: a systematic review. Developmental Medicine and Child Neurology 50(8):577-586.
C M Super: Environmental effects on motor development: the case of „African infant precocity“. Dev Med Child Neurol. 1976 Oct ;18 (5):561-7
Hunziker UA, Barr RG.: Increased carrying reducesinfant crying: a randomized controlled trial. Pediatrics. 1986 May;77(5):641-8.
van Vlimmeren LA, van der Graff Y, Boere-Boonekamp MM, L’Hoir MP, PJM Helders, RHH Engelbert. (2007) Risk Factors for Deformational Plagiocephaly at Birth and at 7 Weeks of Age: A Prospective Cohort Study. Pediatrics 119(2): e408-e418
Wall-Scheffler, CM., Geiger, K. and Steudel-Numbers, K.L. (2007). Infant carrying: The role of increased locomotory costs in early tool development. American Journal of Physical Anthropology, 133, 841-846.

 

16 Antworten

  1. Hey Jan,…

    dein Artikel wirft jetzt doch noch ein paar Fragen auf … vielleicht weil ich beruflich vorbelastet bin?

    In welchem Volk werden die Babys denn dann genau paleoanisch getragen – also ohne Tragetuch? Mir sind jetzt hauptsächlich Völker mit einem Kanga geläufig.

    Und wie hielten es die Jäger und Sammler (ja auch ganz ohne Whatsapp) beim Beeren pflücken oder Blüten sammeln? Und vielem mehr …. denn ihr Tag war ja doch noch zeitlich mehr mit der Beschaffung von Nahrung geprägt.

    Empfiehlst du auch, dass die Babys dabei möglichst immer nackt sind – damit sie auch den sensorischen Hautkontakt haben?

    Gibt es Studien – über deine persönliche Beobachtungsstudie hinaus – die zeigen, dass „freies“ Tragen eine frühere körperliche Entwicklung bewirkt, als das Tragen im Tuch? Immerhin werden sowohl Tragetuch, als auch Tragehilfen aus Tuchstoff selten so eng gebunden, dass KEINE BEWEGUNGSFÄHIGKEIT mehr gegeben wäre.

    Ich bin gespannt auf deine Antworten … vielleicht kommen mir ja noch mehr Fragen 😀 … ganz überzeugt hast du mich noch nicht – ich lerne aber gern dazu.

    Herzliche Grüße,
    ~Tabea

  2. Doch… einer fällt mir noch ein …

    als „physiologische Frühgeburt“ sollte das gehaltene Tragen, geschützt in einem grenzengebenden Tuch ja gerade in den ersten drei Monaten besonders sinnig sein.

    ~Tabea

    • Liebe Tabea,

      ganz herzlichen Dank für deinen konstruktiven Kommentar! Hey, wir sind alle irgendwie vorbelastet:-)

      Einen ganz spannenden Bericht über ein tragendes Volk kennst du bestimmt selbst. Jean Liedloff berichtet über ihre Zeit bei den Yequana. Schau hier einmal ein paar Bilder

      http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.continuum-concept.org%2Fimages%2FYequanaSling.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.continuum-concept.org%2FYequanaPhotos.html&h=300&w=199&tbnid=AR9BVtRNspUnkM%3A&zoom=1&docid=JxIStieorf2-8M&ei=UVeGVeHnCcX-UpLmgMgG&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=1133&page=1&start=0&ndsp=22&ved=0CD4QrQMwCg

      Wie ich im Beitrag versucht habe anzudeuten, geht es gar nicht darum, die Kinder immer auf dem Arm zu tragen. Aber meine Beobachtungen zeigen, dass es viel weniger praktiziert wird, als es möglich wäre, ohne dabei die Pflichten des täglichen Lebens außer Acht zu lassen. Und ja, auch Paleo-Völker mussten sammeln, vielleicht auch einmal mit beiden Händen. Aber: Sie haben durchschnittlich 4 Stunden pro Tag mit der Nahrungsbeschaffung verbracht. Und zwar in Sippen zwischen 20 und 60 Angehörigen. Da war immer mal ein Arm frei, wie erwähnt eben auch bei anderen, größeren Kindern. Auch Liedloff berichtet darüber.

      Ich trage meinen 6 Wochen alten Sohn ca. 1-2 Stunden pro Tag auf dem Arm, beim Spazierengehen. Dafür setze ich Prioritäten. Wenn er schläft, kommt er in die Babytrage (ich bin irgendwie nicht so gut mit dem Tuch). Und insbesondere die ganz kleinen schlafen ja sehr viel. In der Trage draußen (drinnen sowieso) so viel Hautkontakt wie möglich, auch wenn ich dabei von insbesondere älteren Damen komisch angeguckt werde:-)

      Extrem spannend zu diesem Thema ist die Arbeit der amerikanischen Biomechanikerin und vorlebenden Mutter Katy Bowman. Ein interessanter Bericht hier:

      http://breakingmuscle.com/family-kids/beyond-babywearing-mechanical-nutrients-for-babies-and-parents

      Es geht nicht darum, dass eine Position besser oder schlechter als eine andere ist, sondern dass das Verharren in einer Position ohne unterschiedliche Stimuli eine umfassende Entwicklung verhindert, da der menschliche Organismus nun mal so „tickt“, dass er sich an die häufigste Position anpasst. Das ist sogar sinnvoll, aufgrund unserer heutigen Einseitigkeit jedoch problematisch. Kurz sitzen im Stuhl – kein Problem. Sitzen 8 Stunden am Tag im Stuhl = Problem. Katy hat ein wunderbares Buch zu diesem Thema geschrieben, das „Move your DNA“ heißt.

      Ich hoffe das hilft!

      Herzlich, Jan

  3. Hallo Jan,

    also in den meisten Punkten stimme ich dir zu. 😉
    Auch in dem Punkt, dass wir unsere Körper mehr trainieren sollten.

    Nur in einem Punkt sehe ich die Sache etwas anders. Ein Kind das im Tuch getragen wird, wird sehr wohl stimuliert. Natürlich binden wir straff und eng genug, da ein Neugeborenes allein noch nicht fähig ist, sich aufrecht zu halten.
    Dabei ist aber der Kopf nicht permanent fixiert, das Baby lernt seinen Kopf selber zu halten. Aber es hat die Möglichkeit seinen Kopf immer wieder an uns abzustützen. Erst wenn es einschläft, wird der Kopf gestützt indem ich die Kopfkante hoch ziehe, oder die Kopfstütze der Tragehilfe hoch mache.
    Ich muss dazu sagen, unsere Tochter kam bei 30+0 zur Welt, verbrachte 7 Wochen auf der Neo und als sie heimkam, verbrachte sie sehr viel Zeit im Tuch und geschlafen hat sie nachts auf mir.
    Ihren Kopf konnte sie sehr früh schon selbst halten. Auch ihre körperliche Entwicklung nahm dadurch keinen Schaden.
    Im Gegenteil, im Tuch getragene Kinder bewegen sich auch mit. Sie müssen genauso Muskeln aufbauen und gegensteuern, wie wenn sie auf dem Arm getragen werden. Wenn ich mich bücke, wird auch der Gleichgewichtssinn meines Kindes gefördert usw.
    Aber ich stimme dir zu, das alles ein gesundes Mass braucht. Wenn ein Kind älter wird, braucht es auch den körperlichen Freiraum um sich weiter zuentwickeln, z.B. sich zu drehen usw.
    So, jetzt lese ich erstmal die Links die du noch gepostet hast.

    Liebe Grüsse,
    Nadine :-)

  4. Lieber Jan

    Als Trageberaterin und jemand, der sich eingehend mit unterschiedlichen Kulturen befasst hat (mehrere Afrika-Reisen, Sozialanthropologie…) bin ich ein wenig irritiert von diesem Artikel.

    Natürlich vermeidet Tragen eine Schädeldeformation, wie deine Quellen belegen. Und natürlich fördert Körperkontakt (in welcher Form auch immer, dazu gehört auch z.B. das Familienbett) die Bindung. Das sind Argumente für ständigen Körperkontakt und getragen werden (statt hinlegen in ein Bett/Kinderwagen/andere „Aufbewahrungsgeräte“ für Kinder).

    Beim Teil zum „besser ohne Hilfsmittel tragen“ tun sich mir doch einige (sehr viele) Fragezeichen auf. Die frühe motorische Entwicklung „afrikanischer“ Babies stellt lediglich fest, dass motorische Fähigkeiten gezielt im Alltag mit den Babys geübt wurden und dies zu einer schnelleren Entwicklung führte = normaler Trainingseffekt. Motorische Fähigkeiten welche nicht geübt wurden, haben sich auch nicht schneller entwickelt als bei anderen Babys. (die Studie in der Quellenangabe untersuchte lediglich 64 Babies aus Kenya. Ich weise darauf hin, dass Afrika ein ganzer Kontinent ist! Sowohl in der Studie wird also eine krasse Verallgemeinerung vorgenommen von 64 kenianischen Babys auf alle afrikanischen zu schliessen, und du scheinst es ihnen gleich zu tun. 64 sind einfach wissenschaftlich jenseits von repräsentativ.) Weiter weise ich darauf hin, dass Babys in Afrika grösstenteils mithilfe eines Tuches getragen werden. So auch in weiten Teilen Südamerikas. Oder Asiens. Und meine persönliche Beobachtung ist, dass gerade Eltern die keine Tragehilfsmittel benutzen, trotzdem sehr häufig und auch lange tragen (während sie den Kinderwagen leer schieben zum Beispiel). Ob ihre körperliche Fitness dadurch besser ist, oder ihre Haltung gesünder, wage ich zu bezweifeln. Gerade unter Erzieherinnen (auch bei Müttern) zum Beispiel sind Erkrankungen wie der „Tennisarm“ durch das Babytragen sehr verbreitet.
    Quellen: Babys in den Kulturen der Welt. Beatrice Fontanel – als Inspiration.
    Kirkilionis: Ein Baby will getragen sein.
    Persönliche Beobachtungen :)

    • Liebe Stefanie,

      herzlichen Dank für deinen interessanten Input. Ich freue mich, dass ich eine Diskussion anstoßen konnte.

      Nur das Beste von Jan

  5. Hallo Jan,
    als Trageberaterin und Mutter von drei getragenen Kindern kann ich Nadines Erfahrungen sowohl aus persönlicher Sicht wie auch auf der Metaebene nur bestätigen.
    Beim Tragen im Tuch wird ebenso die proriozeptive Wahrnehmung der Lage und Bewegung im Raum berührt wie auch das taktile und das vestibuläre System.
    Und natürlich gibt es auch Zeiten, da mag ein Kind das Tragen im Tuch überhaupt nicht 😉 Da möchte ich die Eltern sehen, die ihr Kind dann ins Tuch ferbern. Die Kinder zeigen uns schon, was sie brauchen.
    Und da geht aus meiner Erfahrung keine Babyzeit ohne auf-dem-Arm-Tragen vorbei 😉
    LG
    Lena

  6. Hallo Jan,
    schöne Theorie, aber da wir nicht mehr in Paleo-Sippen von 20-60 Personen leben frage ich mich – vor allem, weil ich bis vor kurzem Alleinerziehend war – wie man das bitte leisten soll? Training hin oder her, aber in unseren modernen Kleinfamilien finde ich das doch sehr utopisch…

    Herzliche Grüße aus dem Apfelgarten
    Lena

    • Hey Lena,
      aller Anfang ist schwer! Ist eine Frage der Prioritäten und der Lebensgestaltung an sich. Dazu kommt mehr in späteren Blogs. Vielleicht findest du da ja etwas, was dir auf deinem Weg weiterhilft.
      Und ganz wichtig: Es muss für dich umsetzbar bleiben. Wenn es dich völlig fertig macht und stresst, dein Kind pro Tag eine halbe bis ganze Stunde auf dem Arm zu tragen, so lass es sein. Dann würden andere negative Folgen die Nutzen überkompensieren.

      Alles Gute von Jan

      • Hallo Jan,
        auf ein bis zwei Stunden auf dem Arm tragen bin ich mit meinem 24-Stunden-Baby ohnehin gekommen – zusätzlich zu Tragetuch oder Tragehilfe. Aber warum eine Stunde (oder eine halbe, oder zwei)?

        Ich bin gespannt
        Lena

  7. Hallo Jan,

    wirklich toller und inspirierender Artikel!
    Bitte einfach so weitermachen! :)

    Viele Grüße,
    Sven

    PS: Als Gesundheits- und Fitnesstrainer steht für mich außer Frage, dass das Tragen ohne Tuch die Motorik/Kraft (insb. Rumpf/Core) des Kindes mehr fördert als ein Tuch. Wenngleich auch ein Tuch z.B. selbstständiges Halten des Kopfes erfordert/erfordern kann, so sind es doch ein paar % weniger – „da eingewickelt“ -. Inwieweit dieser Unterschied „gewinnbringend“ ist muss natürlich jeder für sich und sein Baby selbst feststellen (worauf du ja auch hingewiesen hast).

    • Lieber Sven,
      ganz lieben Dank für deine Anmerkungen! Ich freue mich über deine differenzierte Sichtweise. Genau das wollte ich anregen.
      Hey, die paar % kann ja jeder Erwachsene selbst an sich ausprobieren: Man stellt sich auf eine Slackline und hält nur den kleinen Finger eines Trainingspartners. Dann zum Vergleich ohne kleinen Finger halten. Ziemlicher Unterschied, oder? Zumindest für mich:-)
      Herzlich, Jan

  8. Ich bin auch sehr davon überzeugt, dass Kinder Traglinge sind, daher danke für diesen Artikel. :-)

    Was mich jedoch irrtiert: Eine gute Trage hat zahlreiche belegte positive Auswirkungen auf die körperliche Entwicklung eines Babys. Ich sehe das daher überhaupt nicht negativ, wie hier geschildert. Aber natürlich ist auch das Tragen „einfach so“ auf dem Arm schön, sofern ich nicht gerade wirklich die Hände frei brauche für andere Tätigkeiten.

    Unser Erstgeborenes konnte übrigens schon zwei Tage nach der Hausgeburt den Kopf alleine heben. Was in diesem Prozess insgesamt eine entscheidende Rolle spielt, weiß ich zwar nicht so genau, aber ich schätze eine komplikationsreiche Geburt und das standardmäßige viele im Bettchen, Wagen oder Babyschale liegen spielt sicher mit rein.

    LG :-)

  9. ein tolelr Artikel
    Mein erstes Bay trug ich 1993, damals wusste ich noch nichts von tragetüchern. ich trug mein Kind auch beim Kochen ….auf dem Arm, auf der Hüfte, über der Schulter, sehr viel einfach.
    Auch die nächsten beiden Kinder trug ich wieder, zu 50% im Tuch, es war ja schon 2008 und Tragetücherwelten waren nun auch mir bekannt….aber 50% immer noch auf dem Arm.
    Ich hatte schond as Gefühl, dass damit die Bay-Aktivität, also das selbst verantwortlich sein für die Haltung positiv beeinflusst wird. Außerdem ist die haltung abwechslungsreicher. Das Tuch ist aber ein wudnerbares Hilfsmittel, vor allem für Wanderungen oder Gartenarbeit.

    Merci
    mandy

    • Vielen Dank, Mandy! Vielleicht noch eine Anmerkung zum Thema Tragen und Tuch: Wir nutzen auch ein Tuch und es hilft sehr! Man braucht manchmal die Hände. Und wenn mein Sohn gerade schläft, was er viel tut, muss er ohnehin gestützt werden.
      Leider ticken wir meistens so, dass wir auf der Suche nach der einen besten Position sind. Und insbesondere beim Thema Bewegung und Haltung ist gerade die Einseitigkeit das größte Problem! Das gilt überigens auch fürs Essen. Ja, Stehtische und Sitzen beim Schreibtisch-Arbeiten abgewechselt ist besser als als nur Sitzen. Nur Stehen ist schon wieder zu diskutieren. Es ist noch gar nicht so lange her, dass man das Sitzen eingeführt hat, weil das permanente Stehen negative Konsequenzen hatte.
      Das Gleiche für die Kleinen: Nur im Tragetuch ist nicht optimal. Bestimmt besser als nur im Kinderwagen, aber trotzdem braucht das Kind mehr eigene Anstrengungen und stärkere Reize. Und ja, im Tragetuch müssen die Kinder selber etwas arbeiten, was es vielleicht das beste Hilfsmittel macht. Aber ohne Hilfsmittel ist eben noch besser, weil um ein Vielfaches mehr Arbeit vom Kind gefordert wird, wenn auch nicht permanent praktizierbar. Aber etwas praktiziert ist wiederum besser als gar nicht. Und wenn das Tragetuch optimal wäre, dann hätten es alle Eltern von Anfang an und wären Kängurus;-)

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